Dancing Auschwitz

(22. 07. 2010 TAZ, gekürzt)

AuschwitzAdam „Adolek“ Kohn hat nie im Leben damit gerechnet, bekannt zu werden. Doch nun ist er ein Promi…
Kohn ist 89, seit 65 Jahren mit derselben Frau verheiratet, Vater zweier Töchter, sechsfacher Großvater und Uropa zweier Urenkel, ein drittes ist unterwegs. Seine Frau Maria „Marysia“ Kohn, geborene Wojdyslawska, ist drei Jahre jünger als ihr Mann, was nichts daran ändert, dass sie im Haus das Sagen hat. „Adolek“, mahnt sie, „du hast nicht aufgegessen!“ „Der Fisch kann warten!“, ruft Adolek in Richtung Küche, denn er hat gerade ein paar E-Mails bekommen, die er sofort lesen muss. „Das geht seit Wochen so“, sagt Marysia, „alles wegen des Videos.“

Das Video ist ein 4 Minuten und 20 Sekunden langer Kurzfilm, den Kohns Tochter Jane Korman, eine australische Aktionskünstlerin, produziert hat. Innerhalb weniger Tage wurde das Video eine halbe Million Mal angeklickt. In Australien, in den USA, in Deutschland, in Israel – überall dort, wo “ Ausschwitz“ noch immer eine Metapher für das Ungeheuerliche ist, das dem Verstehen trotzt.

Auf den ersten Blick ist „Dancing Auschwitz“ – so heißt das kleine Kunstwerk – ein Tabubruch, auf den zweiten eine Provokation, auf den dritten aber eine kluge Antwort auf die Frage, wie man an etwas erinnern kann, das im Steinbruch der „Erinnerungskultur“ längst zu historischem Schotter verarbeitet wurde: auf Konferenzen und Seminaren, in Filmen und TV-Serien, bei Demos und Gedenkfeiern, auf denen mit jahrzehntelanger Verspätung dazu aufgerufen wird, „den Anfängen zu wehren“. Wie man also sinnfreien Ritualen etwas entgegensetzt, das die Kraft des Lebens feiert und nicht den Tod als finalen Höhepunkt menschlichen Versagens zelebriert.

Jane Korman, 55, hat das Unmögliche geschafft. Sie ist mit ihrem Vater und ihren Kindern nach Auschwitz gefahren. Dorthin, wo ihre Eltern, Adolek und Marysia, schon einmal waren: am Fließband des Todes. Jedes Jahr kommen einige hunderttausend Besucher in das ehemalige deutsche Vernichtungslager, das mittlerweile „Muzeum Auschwitz“ heißt und für die Region rund um Krakau als touristische Attraktion die gleiche Bedeutung hat wie der Obersalzberg für die Gegend um Berchtesgaden.

Die einen kommen, um ihrer ermordeten Angehörigen zu gedenken, die anderen, um sich zu gruseln. Aber niemand kommt, um zu tanzen. Denn es gehört sich nicht, auf einem Friedhof eine Party zu feiern. Oder vielleicht doch?

„I Will Survive“ war ein Superhit Ende der siebziger Jahre, gesungen von der amerikanischen Pop-Diva Gloria Gaynor. Und ausgerechnet zu diesem Klassiker der schwulen Subkultur lässt Jane Korman ihren Vater und ihre Kinder tanzen. Zuerst verhalten, als wäre ihnen bewusst, dass sie etwas Verbotenes tun. Dann immer entspannter und schließlich ausgelassen wie eine Amateurmannschaft, die gerade eine Profi-Truppe bei einem Turnier besiegt hat. In einer Szene ist Opa Adolek zu sehen, der ein weißes T-Shirt mit dem Aufdruck „Survivor“ trägt. Er steht vor einem der Öfen, in denen die Leichen verbrannt wurden, und macht das V-Zeichen. Die Botschaft könnte eindeutiger nicht sein: Schaut her, ich lebe! Ganz zum Schluss sagt er: „Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich 63 Jahre später mit meinen Enkeln herkommen würde, hätte ich geantwortet: Worüber redest du? Und da sind wir. Das ist ein historischer Moment.“

Es war zu erwarten, dass nicht alle den Familienausflug nach Auschwitz ebenso positiv beurteilen würden. Der Vorwurf der Geschmacklosigkeit lag in der Luft. Ein Sprecher des Holocaust-Museums in Melbourne erklärte, sein Haus würde das Video auf keinen Fall zeigen, es sei dazu angetan, „die Bedeutung von Auschwitz“ herunterzuspielen. Abraham Foxman, Direktor der New Yorker Anti-Defamation-League, die vor allem Antisemiten und Holocaust-Leugner ins Visier nimmt, meinte, er verstehe „das Bedürfnis, das Überleben zu feiern“, leider sei es „auf diejenigen beschränkt, die überlebt haben“.

Während die professionellen Erinnerungsarbeiter noch um die richtigen Worte rangen, waren die einfachen YouTube-Konsumenten schon weiter. Bei Jane Korman gingen Hunderte E-Mails ein, deren Absender sich bei ihr für „Dancing Auschwitz“ bedankten. Vor allem Kinder von Überlebenden, die im Schatten des Holocaust aufgewachsen waren, fühlten nun, so schrieb es einer, „mehr Freude als Trauer“. Der Film sei „eine Liebeserklärung an das Leben nach dem Tode“. Niemand aber in der ganzen Welt ist so glücklich und so stolz wie Adolek und Marysia Kohn, die Eltern von Jane Korman. Sie leben in einem Haus in einer gutbürgerlichen Gegend von Melbourne, umgeben von Memorabilia aus über 60 Jahren. Jeder Gegenstand erzählt eine Geschichte, und jede Geschichte fängt – wo sonst? – in den dreißiger Jahren in Polen an. „Diese Frau da“, sagt Adolek und zeigt auf ein Gemälde, das er vor vielen Jahren auf einem Flohmarkt in Melbourne gekauft hat, „sieht wie meine Mutter Genia aus.“ Jane wurde nach ihr genannt. Die ältere Tochter Celina trägt den Namen der Mutter von Marysia. Beide Frauen haben den Krieg nicht überlebt.

Die Zugfahrt nach Auschwitz dauerte drei Tage, für Adoleks Mutter war es die letzte Reise, er selbst wurde zur Arbeit eingeteilt. Nach der Befreiung durch die Rote Armee im Mai 1945 machte sich Adolek auf den Weg nach Lodz, zu Fuß. Unterwegs traf er drei Frauen, die „wie Gespenster aussahen“, eine von ihnen hieß Marysia. Ein paar Wochen später wurde das Paar von einem Rabbiner getraut, unter einem Baldachin aus vier Besen und einer alten Decke. Es gab auch nur einen Trauring, den der Rabbi mitgebracht hatte.

„Und dann sind wir nach München.“ – Warum München? „Keine Ahnung, es ergab sich so.“ Adolek arbeitete beim „Suchdienst“, bis ein entfernter Verwandter in Shanghai die notwendigen Papiere für Australien besorgte, für Marysia, Adolek und Celina, die 1947 in München geboren wurde.

Die Fahrt mit der „MS Eridan“, einem alten Militärtransporter, dauerte fast drei Monate, die Zustände an Bord waren katastrophal. Als das Schiff am 19. Januar 1949 endlich in der Bucht von Sydney ankam, hatten die 528 Passagiere alles erlebt, was Menschen unterwegs passieren kann, auch einen Mord. Dann fingen sie wieder bei null an.

Heute ist er froh, dass er sich von Jane zu der langen Reise nach Auschwitz überreden ließ. Mit seinen Enkeln dort zu tanzen, wo seine Mutter ermordet wurde, war der größte Triumph seines Lebens. „Seitdem bin ich kein Opfer mehr, ich habe überlebt, ich habe gewonnen.“

https://www.youtube.com/watch?v=gUjueE57WSY der Tanz in Ausschwitz
https://www.youtube.com/watch?v=DpfID7pLe7M der Besuch in Ausschwitz
https://www.youtube.com/watch?v=esDxLw6ARyY Film über Adolek Kohn

Ein Kommentar von  DORIS AKRAP: Darf ein Auschwitz-Überlebender dort tanzen? 

„I will survive“ ist ein Lied, das immer passt: nach jeder Niederlage, in jedem Eiswinter, in jedem Glutsommer, nach jeder Kündigung, jeder Trennung, jeder Hochzeit, jedem Missgeschick, jeder persönlichen Niederlage, einfach jederzeit. Selbst dann, wenn man sich eigentlich gerade ganz gut fühlt, kann man es gut gebrauchen.

Warum also sollte ein Holocaust-Überlebender nicht „I will survive“ in Auschwitz singen und dazu tanzen? Es ist sicher nicht erstaunlich, dass erst jetzt die Tochter eines Holocaust-Überlebenden auf diese Idee kam. So viel Selbstüberwindung muss man erst mal aufbringen. Zusammen mit ihrem Vater, den 89-jährigen Australier Adolek Kohn, der die Konzentrationslager Auschwitz und Groß-Rosen überlebt hat, und dessen fünf Enkeln fuhr sie vergangenen Sommer an die Stätten, in denen die Juden Europas ermordet wurden. Vor den Toren der Konzentrationslager Auschwitz, Lódz, Theresienstadt und Dachau und vor der Maisel-Synagoge in Prag tanzen sie alle zu „I will survive“, und die Tochter Jane Korman machte daraus das Video. Es ist überraschend, wie sehr der Text des Lieds passt, zu der Combo, die in T-Shirts mit der Aufschrift „Survivor“ unter dem Schild „Arbeit macht frei“ zaghafte Tanzschritte macht: „Weren’t you the one who tried to hurt me with goodbye / You’d think I crumble / You’d think I’d lay down and die / Oh no, not I, I will survive.“

Der Vorwurf der Selbstvermarktung und der Geschmacklosigkeit, den Michael Wolfssohn von der Bundeswehrakademie der Familie Kohn und ihrem Video macht, ist selbst geschmacklos, weil er den Überlebenden vorschreiben will, wie sie sich gegenüber dem erlebten Grauen während des Holocaust zu verhalten haben. Sicher, es gibt viele Stimmen, die fordern, dass absolutes Schweigen die einzige Form sei, die an diesen Orten legitim sei. Und auch in Zukunft wird es derartige Debatten über den Umgang mit den Orten der Nazi-Verbrechen immer wieder geben. Die Debatte über das Würstchengrillen auf dem Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals am Brandenburger Tor vor Jahren war erst der Anfang.

Aber was bitte ist daran geschmacklos, wenn Adolek Kohn in seinem weißen Shirt mit der Aufschrift „Survivor“ das Victory-Zeichen macht? Am Ende des Videos erzählt Adolek Kohn, dass es ein historischer Moment für ihn ist, und wenn ihm jemand vorhergesagt hätte, dass er über 60 Jahre später mit seinen Enkeln zu den Konzentrationslagern fahren würde, hätte er ihn für verrückt erklärt. Gerade dieser Moment ist ein Moment, der zu Tränen rührt, weil Adolek Kohn es schafft, zumindest für diesen Moment, seinen schmerzhaften Erinnerungen an diesen Ort selbstbewusst augenzwinkernd zu begegnen. Man muss aber keine verrenkte Begründung dafür finden, warum Adolek Kohns Video „legitim“ ist, wie es Wolfgang Wippermann und andere in guter Absicht tun: Der humorvolle Umgang mit dem Holocaust ermögliche es der jüdischen Bevölkerung, ihre Vergangenheit zu verarbeiten, und daher sei es akzeptabel, wenn Israelis und andere Juden sich über den Holocaust lustig machten, Tanzen sei in vielen Kulturen ein Element der Trauerbewältigung, oder Israelis wollen nicht mehr nur Opfer sein etc.

Nein, es braucht überhaupt keine Legitimation für das, was Adolek Kohn und seine Familie gemacht haben. Holocaust-Überlebende dürfen an den Orten, an denen ihre Familien, ihre Nachbarn, ihre Freunde und Bekannte ermordet wurden und sie selbst überlebten, machen, was sie wollen. Ja, wenn sie – die Überlebenden – es wollen würden, dürften die KZ-Gedenkstätten sogar geschlossen werden. Das Video, das Kohns Tochter, die australische Künstlerin Jane Korman, gedreht hat, ist rührend und komisch zugleich; und das sicher nicht unfreiwillig. Denn man sieht der Gruppe an, dass sie sich nicht wie auf einer Disko-Tanzfläche fühlt, sondern dass ihre Performance alles andere als leichtfüßig ist. Auch wenn es der 89-jährige Adolek selbst ist, der den coolsten Perfomer der Combo gibt, vor allem wenn er den Charleston tanzt, wie es Josephine Baker nicht besser gemacht hätte.