Stimmen

Muse und Kerker

Eine Besprechung der Premiere von Laura Morgenstern – Ludger Rother
(29.1.2016 Konzert in Mal´s Scheune, Wiesenburg)

Laura Morgenstern bietet mit dem Programm „Liebeslieder aus Ghetto und KZ“ eine wohltuende musikalische Transparenz in einer stilistisch variierenden Palette, die nie beliebig erscheint. Trotz inhaltlicher Schwere des Themas wird mit einem frischen musikalischen Ausdruck die Brücke zum Überlebensfunken der Gedichtautoren geschlagen.
Die Sängerin Laura Büning war einmal das „Girl von Ipanema“, ihr Genre zum Beginn ihrer Karriere war der Bossa nova, den sie mit graziler Leichtigkeit interpretierte. Aus dieser Sicht war eine Repertoire-Erweiterung mit KZ-Liedern nicht eben nahe liegend. Am Ende der überzeugenden Darbietung aber wundert man sich nur noch über das eigene Staunen – wie Leichtigkeit und Tiefe sich die Hand reichen können, als täten dies Form und Inhalt, Muse und Kerker.
Manche Erinnerungen brauchen ein Gefäß um getragen zu werden ( nicht „erträglich“zu sein). Manches künstlerische Projekt braucht eine ganze Weile um zu reifen – und eine rechtzeitige Intuition um die Richtigen zusammen zu führen; hier hat es offensichtlich geklappt. Über 30 Jahre hat der Initiator, Komponist und Gitarrist des Projektes, Dieter Halbach, an dem Stoff gearbeitet und immer wieder auch nach einer geeigneten Sängerin gesucht. Mit Laura Büning hat er sie letztes Jahr – beide als Neuankömmlinge in Bad Belzig – in einer lockeren Sommerband endlich gefunden.
In seinem feinen Zusammenspiel von Klang, Gesang und Sprache ist Laura Morgenstern ein Schatzkästchen. Es birgt menschliche Muse inmitten größter Brutalität. Wie wichtig ist doch der Versuch einer vertieften Erinnerungskultur, die Wiederbelebung der Spuren der Lebendigkeit, des auch ästhetischen Widerstehens. Wenn ich morgen auf Klassenfahrt ins KZ fahren müsste, wünschte ich mir Laura Morgenstern dabei.


„Lieber Freund, Du musst weiter machen. Euer Konzert, das mich sehr berührt hat, muss diese Botschaft „Trotzdem Lieben“ weiter tragen in die Herzen der Zuhörer. Alles braucht offenbar viel mehr Zeit als wir uns wünschen. Und dennoch dran bleiben.
Etty Hillesum hat in „Ein denkendes Herz“ dafür so tiefe und wahre Worte gefunden. Uns bleibt nichts anderes übrig, als jede Gewalt und Grausamkeit mit innerer Gelassenheit und einem verzeihenden Lächeln in Liebe zu verwandeln. Einen besonderen Dank auch an Laura, deren Stimme verwandeln kann. Ihr seid ein gutes Duo, wie nicht nur die Photos zeigen, sondern auch euer gutes Zusammenspiel, getragen von gegenseitiger Inspiration.“
Wolfram Nolte

„Dieses Konzert ist ergreifend, erschütternd, bezaubernd, überwältigend. Zwei hochbegabte Musiker ergänzen, spiegeln, verstärken und berühren sich. Zwei engagierte Menschen stellen sich ganz und gar in den Dienst eines Themas, das kaum anders bewegt werden kann. Ihr tiefes Engagement, für das Schicksal von Menschen in Gefangenschaft, deren Ringen um LEBEN, Freude, kleine Errungenschaften von Individualität – auf die Bühne, in Stimme und Ausdruck zu bringen.
Es ist ein Geschenk, auf so feine, traurige und freudige Weise hineingenommen zu werden in Künste des Überlebens und Liebens. Wut und Hoffnung ringen miteinander. Ein Zauber der Schönheit und Verzweiflung in Wort und Klang. Eine Komposition aus musikalischem Genuss und tiefem Einlassen auf die dunkle Seite des Menschseins.
Dem Frieden gewidmet, mitten im Krieg. Damals wie heute. Hochaktuell.“
Dolores Richter

„ Das Programm Trotzdem Lieben wirft einen hellen Lichtstrahl in eine dunkle Zeit und ihre dunkelsten Orte. Eine rauhe Männer- und eine helle, klare Frauenstimme lassen die Lebens- und Liebesgeschichten der Menschen im KZ und Ghetto hörbar und spürbar werden, unterstrichen und untermalt von den vielfältigen Begleitstimmen der Instrumente. Ich durfte teilnehmen an einer bewegenden Reise durch für mich unbekanntes Land- jenseits von Mitleid oder Sentimentalität – ein Land des Schreckens und der Liebe, die niemals stirbt.
Nie habe ich mir vorzustellen gewagt, was geschah, als die Menschen im KZ befreit wurden. Heute Abend habe ich ein Stück miterleben dürfen. Vielen Dank, Dieter und Laura, für die Reise, auf die ihr euch gemacht habt. Danke, dass ihr mich mitgenommen habt. Ich bin ergriffen, erschrocken, verwirrt, ermutigt. Und spüre die Liebe in meinem Herzen, die niemals stirbt.“
Uta

„Respekt vor dem Mut, dieses Thema künstlerisch & lebendig zu gestalten, das Leben und Lieben im Sterben spürbar werden zu lassen. Es ist eine Einladung in Tiefe, nicht in Schwere. Ich war berührt, wie ich durch die Erzählungen in die persönliche Geschichte der Dichter mit hinein genommen wurde, besonders von dem Text von Fania Fenelon „Befreiung“. Berührt war ich auch von dem feinen Stimmenklang von Laura und dem verwebtem Klangraum mit Dieter, überrascht und erfreut von filigranem Gitarrenspiel.
Es gab eine Freude in mir über die Leichtigkeit durch Lauras Wesen und deutlich spürbare Kontakt-Momente zwischen beiden Künstlern! Lauras Lebendigkeit hat mir gut getan und mich im schweren Thema etwas erleichtert. 
Der rein instrumentale Start mit dem Klagelied der Duduk (armenische Oboe) war toll, Raum eröffnend, in die Tiefe geleitend. Besonders gefallen hat mir „Little Bird“ von dem kleinen Mädchen Inge Auerbacher, das hatte einen guten Spannungsaufbau, tolle Akkordfolge, kraftvolle und feine Stimmen. Ebenso auch „Ich bin ein Pilger“ von Erich Mühsam. 
Irritiert war ich etwas bei dem Bruch zum Ende, dem Lied „summerzyt/summertime“ von Gershwin. Denn ich war wach und da und gerne berührt und brauchte kein Lied zum „zurückkommen ins Leben“.
Alles in allem: Inspirierend, tief, fein. Wachrüttelnd und verzaubernd. Danke!“
Jelka Mönch