Coco Schumann

Der Jazzgitarrist im KZ (* 14. Mai 1924 in Berlin)

Coco SchumannGeboren und aufgewachsen in Berlin als Sohn einer jüdischen Mutter und eines christlichen Vaters, kam Schumann in den 1930er Jahren in Kontakt mit den neu aufkommenden Musikrichtungen Jazz und Swing. Schumann, der autodidaktisch Gitarre und Schlagzeug erlernte, spielte bereits als Jugendlicher in verschiedenen Swingbands. Obwohl nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten amerikanische Musik wie Jazz und Swing als undeutsch galt, spielte Schumann, der als halbjüdischer Swingmusiker der Bedrohung doppelt ausgeliefert war, noch bis 1943 unbehelligt Konzerte in Berliner Clubs. Im März 1943 wurde Schumann verhaftet und in das Ghetto nach Theresienstadt verbracht. In Theresienstadt gelang Schumann der Anschluss an Fritz Weiss und andere Musiker, denen es ausdrücklich erlaubt war, Jazz und Swing zu spielen. Die Nationalsozialisten hatten Theresienstadt als Vorzeigeghetto geplant, um der Welt zu zeigen, wie gut sie vorgeblich die jüdische Bevölkerung behandelten. Zu dieser Illusion gehörten insbesondere verschiedene Musikveranstaltungen mit verbotener Musik im Ghetto. Im September 1944 wurde Schumann zunächst nach Auschwitz-Birkenau, dann nach Kaufering, einem Nebenlager vom KZ Dachau, verbracht. Von Kaufering aus wurde Schumann im April 1945 mit anderen Häftlingen auf einen Todesmarsch in Richtung Innsbruck geschickt, aus dem die Häftlinge von amerikanischen Soldaten befreit wurden.

Nach dem Krieg kehrte Schumann nach Berlin zurück, wo er schnell an alte Erfolge anknüpfen konnte. In den ersten Nachkriegsjahren war er der erste deutsche Musiker, der eine E-Gitarre einsetzte. Mit Hilfe des Gitarrenbauers Roger Rossmeisl modifizierte Schumann seine akustische Jazzgitarre, indem er aus noch vorhandenen Wehrmachtsbeständen einen Tonabnehmer und einen einfachen Verstärker bastelte. Da er so in der Lage war, Jazz und Swing mit dem amerikanischen Klang einer E-Gitarre zu spielen, wurde er schnell zu einem gefragten Studio- und Livegitarristen. Er zog sich jedoch in den 1980er Jahren langsam zurück, nachdem sich die Unterhaltungsmusik immer weiter von Schumanns bevorzugtem Swing entfernt hatte. In den 1990er Jahren besann Schumann sich auf seine Wurzeln des Jazz und Swing und gründete das Coco Schumann Quartett.

Im Jahr 1997 erschien die Autobiografie „Der Ghetto-Swinger“. Einen Großteil der Biografie nimmt Schumanns Leben in der NS-Zeit ein, insbesondere die Verschleppung nach Theresienstadt und Auschwitz. Zu diesem Thema ist Schumann auch in verschiedenen Fernsehdokumentationen zu sehen. Schumann selbst zögerte lange, über seine Erlebnisse während der NS-Zeit zu sprechen.


Hier ein Interview
von Coco Schumann mit 90 Jahren im Gespräch mit Eckart von Hirschhausen (ZEIT 29.10.2015):

An Gott glaube ich nicht, aber an einen Schutzengel, so oft wie ich Glück hatte im Leben. Die Musik war auch einer meiner Schutzengel. Als ich in Theresienstadt ankam, waren reichlich Instrumente da, weil viele ihre Instrumente mitgebracht hatten. Aus dem Cafe´am Markt hörte ich Musik, was ich gar nicht glauben wollte. Über den Hintereingang bin ich rein und habe die Musiker angesprochen. Ich habe mir eine Gitarre genommen und Honeysuckle Rose gespielt. Das war mein großes Glück, das kannte einfach jeder. Einen Gitarristen brauchten sie gerade nicht, so wurde ich Schlagzeuger bei den „Ghetto-Swingers“.

Was hat den Nazis am Swing eigentlich nicht gepasst?

Das ist Neger- und Judenmusik, hieß es. Die Musik war ihnen suspekt, weil sie nicht aus Deutschland und nicht von den sogenannten Ariern kam. Wer den Swing im Blut hart, marschiert nicht im Gleichschritt…Wenn ich spielte, vergaß ich, wo ich war. Ich vergaß Hunger und Elend, die ausgemergelten Menschen, die vielen Toten. Wir waren eine „normale“ Band mit „normalem“ Publikum. Wir wussten alles und vergaßen alles im selben Moment. Die Musik war ein Schutzschild.

Du warst in deinem Leben dem Tod oft sehr nah – verliert man dann die Angst?

Das habe ich mir noch nie überlegt. Ich jammere nicht, dass ich im KZ war, ich jubele, dass ich raus gekommen bin. Ich will auch nicht ewig der KZler sein, der Musik macht. Ich bin Musiker, der auch mal im KZ war.

War die Musik eine Therapie?

Ja, solange ich Musik mache, habe ich keine Zeit alt zu werden, sage ich immer. Es gibt auf dieser Welt etwas, das mich beschützt. Mein Leben, meine Freude am Leben haben sie schon damals nicht bekommen. Und die lasse ich mir auch heute nicht nehmen.

Coco Schumann: Der Ghetto-Swinger- Eine Jazzlegende erzählt (dtv premium 1997)

Discografie

Mit Helmut Zacharias:
•    Nina Costas mit dem Orchester Helmut Zacharias (Berlin 1947)
•    Helmut Zacharias mit der Berliner Allstar Band (auch: Amiga-Band, Berlin 1948)
•    Helmut Zacharias Quartett (Berlin 1948)
•    Swing is in (Helmut Zacharias und sein Swingtett)
•    Swinging Christmas (Helmut Zacharias und sein Swingtett)

Solo:
•    Double – 50 Years in Jazz (div. Besetzungen, 1947-1997)
•    Rex Casino: Live 1955 (1955, Titel 16 wurde 1996 in Ewige Lampe aufgenommen, plus DVD)
•    Coco Now! (Coco Schumann Quartett, 1999)