Trotzdem lieben

Für uns sind die Gedichte und Lieder aus Ghetto und KZ, von Flucht und Exil ein Weltkulturerbe. Sie gehören in den Mittelpunkt unserer Erinnerungskultur. Denn sie können uns daran erinnern, das Menschen dort inmitten der Dunkelheit für sich und andere ein Licht angezündet haben. Und sie können uns an unsere eigene Menschlichkeit erinnern. Wir vergessen diese menschliche Größe, wenn wir uns nur an die Grausamkeiten der Täter erinnern. Auch der Widerstand der Opfer, auch der leise Widerstand der Worte und Klänge, braucht ein Erinnern. Hier findet die Unermesslichkeit des Leidens ihr Gegenüber in der Widerstandsfähigkeit und Schönheit der menschlichen Seele.

Wir singen diese Lieder und Gedichte gegen das Vergessen.

Beispiele von Gedichten, die in den Lagern und Ghettos entstanden sind

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Bild, entstanden im KZ

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Zeichnungen, entstanden im KZ

Inge Auerbacher wurde als siebenjähriges Kind mit ihren Eltern in das KZ Theresienstadt deportiert. Dort lernte sie im konspirativ organisierten Englischunterricht das Gedicht „Little bird“. In ihrer Biografie beschreibt sie später, wie sie jeden Tag von ihrem Fenster aus die Vögel beobachten konnte, die an der Festungsmauer ihre Nester bauten und frei ein und ausflogen. Ihr Buch heißt „Ich bin eine Stern“, darin findet sie auch das gleichnamige Gedicht, in dem sie den aufgezwungenen Judenstern in den heiligen Schutzstern ihrer Selbstachtung verwandelt.

Zwei Lieder unseres Programms sind im Ghetto von Wilna entstanden. In „Frühling/ Friling“ beklagt der Widerstandskämpfer Shmerke Kaczerginski den Verlust seiner ermordeten Frau. In dem von Abraham Bruno komponierten Lied „Unter deinen weißen Sternen/ Unter dayne vayse Shtern “ thematisiert Abraham Sutzkever seine vergebliche Gottessuche im Ghetto. Er läuft »höher über Dächer», um seinen Gott zu finden; sein Gesang bleibt jedoch ohne Antwort. Als er 1943 dieses Gedicht schrieb, hatte er bereits die Ermordung der Hälfte aller jüdischen Einwohner, darunter seine Mutter und sein neugeborenes Kind, erlebt. Er selbst überlebte als Partisan in den Naroczer Wäldern.

Selma Merbaum war eine junge deutschsprachige Dichterin aus Czernowitz in der Bukowina (heute westliche Ukraine), die 1942 mit 18 Jahren im NS-Zwangsarbeitslager Michailowka starb. Ihr 58 Gedichte umfassendes Werk wird mittlerweile zur Weltliteratur gezählt. Das „Schlaflied für dich“ hat sie für ihren fernen Geliebten Leiser Fichmann geschrieben. In das „Glück“ beschwört sie ihre Sehnsucht nach der Wiederkehr ihres Glückes. Das „Nachtigallied“ ist eine gewaltige, mitreißende Hymne an das Leben. Das von uns so genannte Gedicht heißt ursprünglich „Stefan Zweig“ und ist dem von ihr verehrten deutschen Schriftsteller gewidmet, der sich genau 3 Monate später im Exil das Leben nahm. Sie selbst starb Ende des Jahres, kurz vorher schrieb sie „Ich möchte leben. / Ich möchte lachen und Lasten heben / und möchte kämpfen und lieben und hassen / und möchte den Himmel mit Händen fassen / und möchte frei sein und atmen und schrei’n. / Ich will nicht sterben. Nein: / Nein.“

Beispiele von Gedichten, die im Exil und auf der Flucht entstanden sind

Syrische Flüchtlinge 2015

Syrische Flüchtlinge 2015

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Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg

Der Anarchist, Bohemien und Dichter Erich Mühsam ging nicht ins Exil, aber sein Gedicht „Ich bin ein Pilger“ verdeutlicht seine nomadische Lebensweise, seine rastlose Sehnsucht. Er schreibt: „Manchmal fühl’ ich ein Ahnen, ein Sehnen, vor dem mir bangt…Das zieht und zerrt, und ich weiß nicht wohin, weiß nicht, wonach meine Sehnsucht verlangt. Ich weiß nur dies: Es ist Liebe darin!“ In der Nacht des Reichstagsbrandes wird er verhaftet und am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg ermordet. Die Meldung in der nationalsozialistischen Presse lautete: „Der Jude Erich Mühsam hat sich in der Schutzhaft erhängt“.

Hilde Domin hat viele Länder auf ihrer Flucht bereist. Ihr Rat für Flüchtende lautet so wie ihr Gedicht, denn es reist sich besser „Mit leichtem Gepäck“. Sie besteht darauf das eine „Rose eine Rose“ bleibt, auch wenn ein „Heim kein Heim“ ist. Das Bild der Rose steht dabei für die deutsche Sprache, die ihr im Exil immer Halt gegeben hat (siehe auch ihr Gedichtband „Nur eine Rose als Stütze“ von 1959). Der Hinweis, dass ein Löffel mehr als zwei ist, erinnert an den Löffel der KZ-Häftlinge, die ihn oft an einem Band um den Hals trugen, um ihn nicht zu verlieren. Nach 22 Jahren im Exil ist die Dichterin 1954 nach Deutschland zurückgekehrt.

Mascha Kaléko schrieb ihr Gedicht „Sozusagen ein Mailied“ im Exil in New York. Die junge Dichterin einer sinnlichen Alltagslyrik war eine „Berliner Pflanze“; sie konnte weder in Amerika, noch später in Jerusalem wieder Wurzeln schlagen. In ihrem Emigrantenmonolog, den wir am Ende des Liedes hinzugefügt haben, schreibt sie: „Mir ist zuweilen so, als ob das Herz in mir zerbrach. Ich habe manchmal Heimweh. Ich weiß nur nicht, wonach.“ Bevor sie ihre neu gefassten Pläne einer Heimkehr nach Berlin umsetzen konnte, ist sie Anfang 1975 auf dem Rückweg nach Jerusalem gestorben.

„Spielen ist alles“ lautete ein Motto von Else Lasker-Schüler. Sie entwirft sich selbst als eine Märchenfigur: „Ich bin in Theben (Ägypten) geboren, wenn ich auch in Elberfeld zur Welt kam, im Rheinland. Ich ging bis elf Jahre zur Schule, wurde Robinson, lebte fünf Jahre im Morgenlande, und seitdem vegetiere ich.“ 1933 floh sie als schon berühmte Malerin und Dichterin zunächst nach Zürich und dann nach Israel. Ihr Lyrik verbindet Liebesthemen und religiöse und mystische Motive. 1943 erscheint ihr letzter Gedichtband, benannt nach dem Gedicht „Mein blaues Klavier“. Darin beklagt sie den Verlust der Schönheit, der Mondfrau-Mutter, die Verrohung der Welt und bittet: „Ach liebe Engel öffnet mir – Ich aß vom bitteren Brote – mir lebend schon die Himmelstür, auch wider dem Verbote.“ Else Lasker-Schüler starb am 22. Januar 1945, da war aus dem glitzernden Mädchen, schon eine gezeichnete alte Frau geworden, die verstört durch die Straßen von Jerusalem lief. „Ich glaube, so hat Niemand barfuß sein Herz durch die Menge gehen lassen wie ich.“

Rose Ausländer wurde (wie auch Selma Merbaum) in Czernowitz in der Bukowina geboren. Sie überlebte den Faschismus im Ghetto und später in Kellerverstecken, wo sie auch den Dichter Paul Celan (die „Todesfuge“) traf, der ihr Werk wesentlich beeinflussen sollte. Sie emigrierte 1946 nach der Übernahme durch Russland nach New York. Ihr Schreiben war ein Suchen nach Heimat, sie nennt es das „Mutterland Wort“. Dichten heißt für sie: „Sieben Höllen durchwandern / Der Himmel sieht es gern / geh sagt er / du hast nichts zu verlieren.“ 1964 kehrte sie nach Europa zurück. Wohnen blieb aber für sie ein Fremdwort. „Fliegend auf einer Luftschaukel, Europa Amerika Europa. Ich wohne nicht, ich lebe.“ In ihrem Gedicht „Unendlich“ wird der Grenzort des Exils zum Ausgangspunkt der Erfahrung eines tröstenden Todes. „Vergiss deine Grenzen, wandere aus. Das Niemandsland Unendlich nimmt dich auf.“ Sie starb, bis zu ihrem Tod dichtend und schreibend, am 3. Januar 1988 im jüdischen Altersheim in Düsseldorf.

Alle erwähnten Gedichte finden Sie auf unserer CD „Trotzdem lieben“.